Sie haben einen Igel gefunden, entschieden, dass er hilfsbedürftig ist, und sich entschlossen, ihn aufzunehmen. Bitte handeln Sie nun nicht nur intuitiv, sondern beachten Sie die folgenden Regeln, sonst misslingt die gut gemeinte Hilfe!

Warmstellen:

Igel brauchen Wärme, wenn sie aufgenommen werden (20° bis 23° Raumtemperatur, schwache Igel und Igelsäuglinge in ein Handtuch wickeln und auf eine Wärmflasche legen). Machen Sie sich bewusst, dass es sich um ein kleines, krankes Säugetier handelt, das wie z. B. auch Menschenbabys und kranke Menschen Wärme braucht.

Jedes Grad weniger muss das Tier mit seinen (letzten) Energiereserven kompensieren. Wenn Temperaturen über 20° nicht angeboten werden können, vegetiert das Tier langsam dahin, und es ist dann besser, den Igel draußen zu lassen, um der Natur möglichst schnell freien Lauf zu lassen.

Igelstation oder Tierarzt kontaktieren:

Die Behandlung verletzter oder sehr schwacher Igel sowie die Aufzucht von Igelsäuglingen gehört sofort in igelfachkundige Hände. Kontaktieren Sie eine Igelstation – ich kann Ihnen die für Sie nächstgelegene benennen, wenn Sie nicht in zumutbarer Entfernung von Hannover wohnen – und bringen Sie verletzte Tiere in die Tierärztliche Hochschule Hannover (24-STd.-Notaufnahme) oder zum Tierarzt. Bitten Sie allerdings den Tierarzt unter Berufung auf die Schrift „Igel in der Tierarztpraxis” von Pro Igel e.V., bei der Erstversorgung auf keinen Fall die sehr starken Entwurmungs–medikamente Ivomec, Dectomax oder Levamisol zu spritzen oder Advocate auf die Haut aufzubringen. Geschwächte Tiere oder sehr junge Igel überleben dies sehr oft nicht. Wenn der Tierarzt möchte, kann er gerne telefonisch Rat bei mir einholen, was einem geschwächten/verletzten Igel am besten zu verabreichen ist – siehe auch den Text zur  „Entwurmung“.

Bei Igelsäuglingen geht es um Stunden. Trotzdem: Nicht selber versuchen, Säuglinge zu füttern! Man braucht Spezialpräparate, und es gerät bei ungeübten Fütterversuchen allzuleicht etwas in die Lunge, so dass die Säuglinge ersticken.

Unterbringung:

Der Igel ist ein nachtaktives Tier, das tagsüber in einem Versteck schläft. Für die häusliche Unterbringung nehmen Sie einen möglichst großen, stabilen Pappkarton (Minimum: 60 cm x 80 cm, Höhe mindestens 50 cm, sonst klettert der Igel heraus), in den Sie als Schlafhaus einen kleinen Pappkarton stellen(ca. 20 cm x30 cm Grundfläche) mit ausgeschnittenem Tor (8 cm breit und hoch). Als Bodenbelag nimmt man in beiden Kartons vierfach gelegte Zeitung, das Schlafhaus wird zusätzlich mit leicht geknülltem Küchen- oder Toilettenpapier gefüllt. Zeitung und Papier sind täglich, am besten morgens, zu erneuern. Bitte keine Blätter aus dem Garten (erneute Konfrontation mit Keimen), Heu oder Stroh (Schimmelbildung, unhygienisches Festsetzen zwischen den Stacheln) verwenden!

 

Futter:

Der Igel ist ein Fleischfresser (Insekten, Asseln, Käfer). Der Igel in menschlicher Obhut wird mit Katzendosenfutter und Igeltrockenfutter gefüttert, so erhält er alle wichtigen Nährstoffe. Katzendosenfutter (erhältlich in jedem Supermarkt in 400g-Dosen, die Sorte spielt keine Rolle, nur Gemüse, Reis etc. darf nicht mit darin sein) und Vitakraft-Igeltrockenfutter (lose erhältlich bei „Fressnapf“, „Miezebello“ oder „Futterhaus”, bitte unbedingt darauf achten, kein Produkt für exotische Igel verkauft zu bekommen) werden zu einem dicklichen Brei verrührt, ein halber Teelöffel Speiseöl oder Honig macht das Futter noch etwas attraktiver. Ein Igel mittlerer Größe frisst jede Nacht etwa 200 bis 300 ml (!) von diesem Brei. Man serviert abends in einem ca. 10 cm großen Keramiknapf, dessen Rand nicht höher als 2 cm sein sollte.

Am Aufnahmetag kann man einem Igel auch Rührei ohne Salz anbieten, wenn kein Hunde- oder Katzendosenfutter zur Hand sind. Obst, Gemüse und Milch kann er nicht verwerten, Milch führt zu gefährlichen, häufig tödlichen Darmkoliken.

Ein Igel muss fressen – tut er das nicht oder frisst er nur sehr viel weniger, suchen Sie bitte umgehend eine Igelstation auf.

Außer dem Futter braucht der Igel Wasser, am besten in einem Glasaschenbecher, der nicht so leicht umzukippen ist.

Problemigel frisst zum 1. Mal, beschriebenes Futter mit kleinen Stückchen gekochtem Hühnerklein, im Vordergrund wird ihm auch pures Igeltrockenfutter von Vitakraft angeboten.

Problemigel frisst zum 1. Mal, beschriebenes Futter mit kleinen Stückchen gekochtem Hühnerklein, im Vordergrund wird ihm auch pures Igeltrockenfutter von Vitakraft angeboten.

Jungigel gespeichelt sich mit dem Geschmack seiner ersten Fleichmahlzeit den Rücken (angeborenes, lebenslanges Verhalten bei neuen Gerüchen und Geschmäckern)

Jungigel bespeichelt sich mit dem Geschmack seiner ersten Fleichmahlzeit den Rücken (angeborenes, lebenslanges Verhalten bei neuen Gerüchen und Geschmäckern)

Entwurmung:

Jeder Igel hat Parasiten. Außenparasiten sind Zecken und Flöhe (mit Frontline-Spray aus der Apotheke oder vom Tierarzt den Igel einsprühen, keinen Flohpuder und kein Spot-on-Präparat verwenden). Bei einem aufgenommenen Igel sollte immer bedacht werden, dass er Innenparasiten haben könnte. Sollten eindeutige Symptome auftreten wie husten, Nahrungsverweigerung, grüner, schleimiger, blutiger oder dünnflüssiger Kot oder auch nur eine geringe Gewichtszunahme von weniger als 10 g pro Tag über mehrere Tage hinweg, dann  muss er eine angemessene Entwurmung bekommen.

Mit der von Pro Igel e.V. in Zusammenarbeit mit der Tierärztlichen Hochschule Hannover entwickelten Methode, der  sogenannten Prophylaktischen Entwurmung, gibt man nacheinander ohne detaillierte Untersuchung des Igels vier verschiedene Medikamente, die den Igel von allen gängigen Innenparasiten befreien. Dies dauert etwa zwei Wochen. Drei dieser  Medikamente werden aufs Futter getan bzw. bei schlecht fressenden Igeln per Futterspritze oral verabreicht, das vierte muss gespritzt werden.

Oder aber man bittet einen Tierarzt, eine mikroskopische Kotuntersuchung durchzuführen, nach der man dann nur die Parasiten behandelt, die tatsächlich bei dem betreffenden Igel gefunden werden.

Allerdings können auch Komplikationen auftreten: Durchfall, Nahrungsverweigerung, rapide Gewichtsabnahme u. a. erfordern schnelle zusätzliche Maßnahmen. In einem solchen Falle warten Sie nicht lange und nehmen Kontakt mit einer Igelstation oder mit mir auf.

(Vorsicht beim Tierarzt: im Tierarzt-Studium wird das Wissen um den Igel so gut wie gar nicht vermittelt. Einige Tierärzte verwenden in bester Absicht die Medikamente Ivomec oder Advocate, die aber nachgewiesenermaßen geschwächte und/oder untergewichtige Igel meist umbringen. Andere notwendige Entwurmungskomponenten werden dagegen oft vernachlässigt. Generell sollte nur in Ausnahmefällen ein Igel mit einem Körpergewicht unter 250 g mit Entwurmungsmitteln behandelt werden.)

Selbstverständlichkeit: tägliches Wiegen

Selbstverständlichkeit: tägliches Wiegen

Eine digitale Waage ist bei Jungigeln unerlässlich

Eine digitale Waage ist bei Jungigeln unerlässlich

Selbstverständlichkeit: tägliches Wiegen

Verabreichung eines wichtigen Medikaments in Futterbrei per Spritzenfütterung - auch bei Altigeln manchmal unumgänglich

Verabreichung eines wichtigen Medikaments in Futterbrei per Spritzenfütterung – auch bei Altigeln manchmal unumgänglich

Winterschlaf und Auswilderung:

In der Natur gehen die Igel im Spätherbst in ihren Winterschlaf, der bis Ende April andauert. Das Auswildern vor Wintereinbruch ist nur bis Ende November und nur bei Temperaturen über dem Gefrierpunkt möglich. Ein Igel, der vor dem Winter nicht mehr ausgewildert werden kann, muss nach seiner Genesung und mit ausreichendem Gewicht an einem kalten Ort (Außentemperatur! Keller sind meistens zu warm) in einer geeigneten Winterschlaf-Box einen echten Winterschlaf machen können, damit sein Jahresrhythmus nicht aus dem Takt gerät. (Siehe Text „Winterschlaf in menschlicher Obhut”).

Die in menschlicher Obhut überwinterten Igel sind nach dem endgültigen Aufwachen (ab Mitte April, je nach Wetterlage früher oder später) noch einmal warm zu stellen und wieder auf ihr spätherbstliches Einschlafgewicht anzufüttern, bevor sie in die Natur entlassen werden.

Auswildern im Frühjahr sollte man erst dann, wenn Bäume und Sträucher Blätter haben (meist Anfang bis spätestens Mitte Mai): Man stellt den Igel in seinem Schlafhaus in der Abenddämmerung unter Gebüsch, Futter- und Wassernapf neben das Eingangsloch. Das Schlafhaus entfernt man, wenn der Igel es verlassen hat. Die Futterstelle behält man noch etwa zehn Tage an der Auswilderungsstelle bei, damit der Igel ohne Gewichtsverlust lernen kann, sich in der Natur zu ernähren.

Freigehege als Übergang vor der endgültigen Auswilderung (optional) oder zur Unterbringung von Rekonvaleszenten oder Dauerinvaliden (Gehege + Foto: Maria Kellner)

Freigehege als Übergang vor der endgültigen Auswilderung (optional) oder zur Unterbringung von Rekonvaleszenten oder Dauerinvaliden (Gehege + Foto: Maria Kellner)

Endgültige Auswilderung aus der Pappbox

Endgültige Auswilderung aus der Pappbox

Foto: Maria Kellner

Foto: Maria Kellner

Foto: Maria Kellner

Foto: Maria Kellner

Danach gehört er nur noch sich selbst.