21. Wie bringe ich einen hilfsbedürftigen Igel unter, was füttere ich, und was muss ich sonst noch beachten?

Wie bringe ich einen hilfsbedürftigen Igel unter, 

was füttere ich, und was muss ich sonst noch beachten?

Sie möchten die Pflege eines Igels übernehmen, dessen Hilfsbedürftigkeit Sie festgestellt haben.

Bitte handeln Sie nicht nur intuitiv, sondern beachten Sie genau die folgenden Richtlinien, sonst misslingt die gut gemeinte Hilfe!

Warmstellen:

Igel brauchen unbedingt sofort Wärme, wenn sie aufgenommen werden (20° bis 23° Raumtemperatur, schwache Igel in ein Handtuch wickeln und auf eine Wärmflasche legen). Machen Sie sich bewusst, dass es sich um ein kleines, krankes Säugetier handelt, das wie z. B. auch Menschenbabys und kranke Menschen Wärme braucht.

Jedes Grad weniger, beispielsweise bei Unterbringung im ungeheizten Keller, Gartenhaus, Wintergarten oder gar auf Balkon oder Terrasse, muss das Tier mit seinen (letzten) Energiereserven kompensieren, um die Körpertemperatur aufrecht zu erhalten. Es nimmt dann trotz Futterangebot nicht zu und fällt eventuell sogar in einen energiezehrenden Dämmerschlaf, in dem es nicht mehr fressen kann, der energiesparende Winterschlaf aber nicht einsetzt, weil es dazu wiederum zu warm ist. Das hat keinen Sinn, ist nicht artgerecht und damit nicht im Sinne des Bundesnaturschutz- und des Tierschutzgesetzes.

Blick aus dem Schlafhaus

Blick aus dem Schlafhaus

Tierärztliche Hochschule Hannover, Igelstation oder Tierarzt kontaktieren:

Die Behandlung verletzter oder sehr schwacher Igel sowie die Aufzucht von Igelsäuglingen gehört sofort in igelfachkundige Hände. Kontaktieren Sie eine Igelstation oder und bringen Sie verletzte Tiere in die Tierärztliche Hochschule Hannover (24-STd.-Notaufnahme) oder zum Tierarzt. Bitten Sie allerdings den Tierarzt unter Berufung auf die Schrift „Igel in der Tierarztpraxis” von Pro Igel e.V., bei der Erstversorgung auf keinen Fall die sehr starken Entwurmungsmedikamente Ivomec, Dectomax oder Levamisol zu spritzen oder Advocate auf die Haut aufzubringen. Geschwächte Tiere oder sehr junge Igel überleben dies sehr oft nicht. Wenn der Tierarzt möchte, kann er gerne Rat bei mir einholen, was einem geschwächten/verletzten Igel am besten zu verabreichen ist. Sie finden auf dieser Webseite auch meine Empfehlungen zur  Entwurmung.

Bei Igelsäuglingen geht es um Stunden. Trotzdem: Nicht selber versuchen, Säuglinge zu füttern! Man braucht Spezialpräparate, und es gerät bei ungeübten Fütterversuchen allzuleicht etwas in die Lunge, so dass die Säuglinge ersticken.

Unterbringung:

Der Igel ist ein nachtaktives Tier, das tagsüber in einem Versteck schläft. Für die häusliche Unterbringung nehmen Sie einen möglichst großen, stabilen Pappkarton (Minimum: 60 cm x 80 cm, Höhe mindestens 50 cm, sonst klettert der Igel heraus), in den Sie als Schlafhaus einen kleinen Pappkarton stellen(ca. 20 cm x30 cm Grundfläche) mit ausgeschnittenem Tor (8 cm breit und hoch). Als Bodenbelag nimmt man in beiden Kartons vierfach gelegte Zeitung, das Schlafhaus wird zusätzlich mit leicht geknülltem Küchen- oder Toilettenpapier gefüllt. Zeitung und Papier sind täglich, am besten morgens, zu erneuern. Bitte verwenden Sie keine Blätter aus dem Garten (erneute Konfrontation mit Keimen), auch kein Heu oder Stroh (Schimmelbildung, unhygienisches Festsetzen zwischen den Stacheln, schlechte Möglichkeiten, den Kot zu beurteilen, Verletzungsgefahr für die Igelaugen an Strohgrannen)!

In Igelstationen verwendet man meistens abwaschbare Boxen und Schlafhäuser

In Igelstationen verwendet man meistens abwaschbare Boxen und Schlafhäuser

Futter:

Der Igel ist ein Fleischfresser (Insekten, Asseln, etc). Der Igel in menschlicher Obhut wird mit Katzendosenfutter und Igeltrockenfutter gefüttert, so erhält er alle wichtigen Nährstoffe. Katzendosenfutter ist erhältlich in jedem Supermarkt in 400g-Dosen, die Sorte spielt eine untergeordnete Rolle, nur Gemüse, Reis etc. dürfen nicht mit darin sein. Wenn Sie die Wahl haben, wird die Sorte „Rind” am problemlosesten von Igeln gefressen. Vitakraft-Igeltrockenfutter ist lose (und deutlich preisgünstiger als in abgepackten Kartons) erhältlich bei „Fressnapf“, „Miezebello“ oder „Futterhaus”. Bitte achten Sie unbedingt darauf, kein Produkt für exotische Igel verkauft zu bekommen. Beide Komponenten werden zu einem dicklichen Brei verrührt, ein halber Teelöffel Speiseöl oder Honig macht das Futter noch etwas attraktiver. Ein Igel mittlerer Größe frisst jede Nacht etwa 200 bis 300 ml (!) von diesem Brei. Man serviert abends in einem ca. 10 cm großen Keramiknapf, dessen Rand nicht höher als 2 cm sein sollte.

Kleine Igel:

Ein Jungigel zwischen 100 und 200 g Körpergewicht  muss mindestens 60 g Futter pro 24 Std. fressen, sonst nimmt er nicht zu, sondern evtl. sogar ab. Geben Sie ihm zunächst ganz fein pürierten Katzendosenfutterbrei mit ein bisschen Wasser oder Fencheltee. Am besten eignet sich pastetenartiges Katzendosenfutter namens Gourmet, erhältlich bei Kaufland, mit etwas Glück auch bei EDEKA oder Rossmann, aber es MUSS feine Pastete draufstehen.

Wenn ein kleiner Igel gut frisst, versucht man nach ein paar Tagen, das Gourmet allmählich durch kleingedrücktes normales Katzendosenfutter zu ersetzen, indem man ein bisschen davon unterrührt und die Menge dann vergrößert. Sehr gut funktioniert dann Topic in 400-g-Dosen, das gibt’s bei ALDI. Es MUSS „zarte Mahlzeit“ draufstehen.

Sollte ein Jungigel nicht genug fressen, aber normalen Kot absetzen, versucht man, ihn mit einer 1-ml-Spritze handzufüttern.

Erst wenn kleine Pflegeigel sich eingewöhnt und die 200 g überschritten haben, kann man 2 El. Vitakraft-Igeltrockenfutter darunter rühren, nach Möglichkeit gemahlen, gesiebt oder mit Kuchenrolle zerkleinert. Es muss aber immer ein homogener Brei sein, er muss dann beides fressen, um gut zuzunehmen. Ab 200 g kann ein gesunder Jungigel bis zu 30 g pro Nacht an Gewicht zunehmen. Ab 400 g Igelkörpergewicht kann man mit dem Zerkleinern des Vitakraft-Igeltrockenfutters aufhören und es unterrühren, so wie man es im Laden gekauft hat. Geben Sie so viel, wie nur irgend gefressen wird, rund um die Uhr. Vielleicht schaffen Sie es, dass Anfang November ein Gewicht von 600 bis 700 g erreicht ist – dann können Sie noch vor dem Winterschlaf auswildern, mit Futterstelle, die Sie bis Anfang Dezember beschicken.

Am Aufnahmetag kann man einem Igel auch Rührei ohne Salz anbieten, wenn kein Hunde- oder Katzendosenfutter zur Hand sind. Obst, Gemüse und Milch kann er nicht verwerten, Milch führt zu gefährlichen, häufig tödlichen Darmkoliken.

Ein Igel muss fressen – tut er das nicht oder frisst er nur sehr viel weniger, nehmen Sie bitte Kontakt zu mir auf und/oder wenden Sie sich an eine Igelstation in Ihrer Nähe.

Außer dem Futter braucht der Igel Wasser, am besten in einem flachen Glasaschenbecher, der nicht so leicht umzukippen ist.

Problemigel frisst zum 1. Mal, beschriebenes Futter mit kleinen Stückchen gekochtem Hühnerklein, im Vordergrund wird ihm auch pures Igeltrockenfutter von Vitakraft angeboten.

Problemigel frisst zum 1. Mal, beschriebenes Futter mit kleinen Stückchen gekochtem Hühnerklein, im Vordergrund wird ihm auch pures Igeltrockenfutter von Vitakraft angeboten.

Jungigel bespeichelt sich mit dem Geschmack seiner ersten Fleischmahlzeit den Rücken (angeborenes, lebenslanges Verhalten bei neuen Gerüchen und Geschmäckern).

Jungigel bespeichelt sich mit dem Geschmack seiner ersten Fleischmahlzeit den Rücken (angeborenes, lebenslanges Verhalten bei neuen Gerüchen und Geschmäckern).

Entwurmung:

Jeder Igel hat Parasiten. Außenparasiten sind Zecken und Flöhe (mit Frontline-Spray, zu beziehen bei doc morris, aus der Apotheke oder vom Tierarzt – den Igel sparsam einsprühen, keinen Flohpuder und nicht das Spot-on-Frontline-Präparat verwenden). Wegen der Innenparasiten sollte ein aufgenommener Igel, der nicht oder nur wenig frisst und zunimmt und/oder grünen, schleimigen, dünnflüssigen und/oder blutigen Kot absetzt und/oder hustet, eine angemessene Entwurmung bekommen. Mit der von Pro Igel e.V. in Zusammenarbeit mit der Tierärztlichen Hochschule Hannover entwickelten Methode (siehe Text Nr. 23: „Parasitenbehandlung/Entwurmung”) kann man prophylaktisch gegen alle häufig vorkommenden Innenparasiten entwurmen. Dies dauert etwa zwei Wochen und erfordert vier verschiedene Medikamente, von denen drei aufs Futter getan werden, das vierte muss gespritzt werden. Oder man bittet einen Tierarzt, eine mikroskopische Kotuntersuchung durchzuführen, so dass nur die Parasiten behandelt werden, die tatsächlich bei dem betreffenden Igel gefunden werden.

Bis auf die Spritzen ist es möglich, einen Igel zu Hause zu entwurmen. Bitte wenden Sie sich mit der Anleitung „Parasitenbehandlung/Entwurmung” an einen Tierarzt Ihres Vertrauens (s.u.) in Ihrer Nähe, sofern er bereit ist, sich danach zu richten, oder an eine Igelstation in Ihrer Nähe. Die Entwurmung kann beginnen, sobald der Igel ein Gewicht von 300 g erreicht hat, oder nach wenigen Tagen Eingewöhnungszeit, wenn er bei der Aufnahme schon schwerer ist.
Sehr junge Igel, die noch kaum in der Natur unterwegs gewesen sind, haben oft gar keine Innenparasiten oder ausschließlich Lungenwürmer, deren Eier durch die Muttermilch übertragen werden. Dies wird man feststellen, wenn der Jungigel irgendwann zu husten beginnt.

Selbstverständlichkeit: tägliches Wiegen und Protokollieren des Gewichts und des Behandlungsverlaufes

Selbstverständlichkeit: tägliches Wiegen und Protokollieren des Gewichts und des Behandlungsverlaufes

Selbstverständlichkeit: tägliches Wiegen

Vorsicht beim Tierarzt: im Tierarzt-Studium wird das Wissen um den Igel so gut wie gar nicht vermittelt. Einige Tierärzte verwenden in bester Absicht die Medikamente Ivomec oder Advocate, die aber nachgewiesenermaßen geschwächte und/oder untergewichtige Igel meist umbringen. Sie sind für Hunde und Katzen entwickelt und lassen sich nicht einfach per Dreisatz auf das Gewicht des Igels umrechnen, denn der Igel verstoffwechselt ganz anders als andere Tiergattungen. Andere Entwurmungskomponenten werden dagegen oft vernachlässigt. Ihr Tierarzt kann sich gerne mit mir in Verbindung setzen. Es ist nur leider so, dass sich viele Tierärzte von Igelstationsbetreibern ungern beraten lassen, da letztere in der Regel Laien sind.

Es kommt nicht selten vor, dass Darm- oder Lungenparasiten zusätzlich eine bakterielle Infektion verursacht haben. Dann ist eine Antibiose notwendig, zu der es  unumgänglich ist, dass der Igel täglich oder alle zwei Tage eine Spritze bekommt und sachkundig beobachtet wird. Bitte seien Sie auch jetzt beim Tierarzt wachsam: Jungigel, die noch nicht ausgewachsen sind, tragen von der leichtfertigen Verwendung des Reserveantibiotikums Baytril (=Enrofloxacin) schwere, erst später in ihrem Leben in Erscheinung tretende Nebenwirkungen davon. In den meisten Fällen ist die Verabreichung von DuphamoxLA (=Amoxicillin) anzuraten.

Verabreichung eines wichtigen Medikaments in Futterbrei per Spritzenfütterung - auch bei Altigeln manchmal unumgänglich

Verabreichung eines wichtigen Medikaments in Futterbrei per Spritzenfütterung – auch bei Altigeln manchmal unumgänglich

Winterschlaf und Auswilderung:

In der Natur gehen die Igel im Spätherbst in ihren Winterschlaf, der bis Ende April andauert. Das Auswildern vor Wintereinbruch ist nur bis Ende November und nur so lange möglich, wie die nächtlichen Temperaturen noch mindestens eine Woch über 5° prognostiziert werden. Wenn Sie mit dem Igel und mit dem Wetter Glück haben und er noch vor dem Winter wieder in die Natur zurückkann, wäre hilfreich, wenn im Garten ein mit trockenen Blättern gefülltes Holzschlafhäuschen mit großen Laubhaufen drumherum vorbereitet ist. Ein Winterschlafhaus im Garten sollte keinen Fußboden haben, da sich die Igel gern eine kleine Mulde scharren. Und es muss unbedingt aus atmungsaktivem Material sein, damit der Igel nicht im März vom Kondensat seiner Atemluft klitschnass ist. (Siehe Text Nr. 16 „Auswilderung im Herbst”, zu finden unter demselben Menüpunkt wie der aktuell vor Ihnen befindliche Text)

Ein Igel, der vor dem Winter nicht mehr ausgewildert werden kann, muss nach seiner Genesung und mit ausreichendem Gewicht an einem kalten Ort (Außentemperatur! Keller sind meistens zu warm) in einer geeigneten Winterschlaf-Box einen echten Winterschlaf machen können, damit sein Jahresrhythmus nicht aus dem Takt gerät. (Siehe Beitrag „Winterschlaf des Igels in menschlicher Obhut”unter dem Menüpunkt „Allgemeine Informationen”).

Die in menschlicher Obhut überwinterten Igel sind nach dem endgültigen Aufwachen (ab Mitte April, je nach Wetterlage früher oder später) noch einmal warm zu stellen und wieder auf ihr spätherbstliches Einschlafgewicht anzufüttern, bevor sie in die Natur entlassen werden.

Im Frühling (Genaueres im Text Nr. 14: „Auswilderung im Frühjahr”) sollte erst dann ausgewildert werden, wenn Bäume und Sträucher Blätter haben (meist Anfang bis spätestens Mitte Mai): Man stellt den Igel in seinem Schlafhaus in der Abenddämmerung unter Gebüsch, Futter- und Wassernapf neben das Eingangsloch. Das Schlafhaus entfernt man, wenn der Igel es verlassen hat. Die Futterstelle behält man noch etwa zehn Tage an der Auswilderungsstelle bei, damit der Igel ohne Gewichtsverlust lernen kann, sich in der  Natur zu ernähren.

Freigehege

Freigehege als Übergang vor der endgültigen Auswilderung (optional) oder zur Unterbringung von Rekonvaleszenten oder Dauerinvaliden  (Gehege+Foto: Maria Kellner)

Endgültige Auswilderung aus der Pappbox

Endgültige Auswilderung aus der Pappbox

Fotos: Maria Kellner  

Fotos: Maria Kellner

Danach ist er allein für sich verantwortlich.